„Ein Jahr, das mich extrem nach vorne gebracht hat!“

Wie Henry Tertilt sein FSJ in der forensischen Psychiatrie erlebt

 

Wer sich auf den Weg zum Arbeitsplatz des FSJlers Henry Tertilt macht, der merkt schnell, dass es sich bei seiner Einsatzstelle um keine Klinik im herkömmlichen Sinne handelt. Rund um das Gelände steht ein 5,50 Meter hoher Stacheldrahtzaun, zahlreiche Kameras sichern das Gelände, so dass keine Person ungesehen den Gebäudekomplex verlässt.  Vor Eintritt in das Gebäude muss zunächst eine Sicherheitsschleuse durchquert werden. Der Personalausweis wird abgegeben, persönliche Gegenstände in Schließfächern verwahrt und durch eine Glasscheibe hindurch spricht ein Mitarbeiter des Pfortendienstes mit einem. Henry absolviert sein Freiwilliges Soziales Jahr in der Fachklinik für forensische Psychiatrie, der Christophorus Klinik in Münster. In ihr werden 54 straffällig gewordene, intelligenzgeminderte Patienten behandelt, bei denen das Gericht eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet hat.

„Am Anfang war es schon aufregend“, berichtet Henry. „Aber Angst hatte ich eigentlich nie.“ Denn die Sicherheit stehe hier an erster Stelle. Umso gründlicher wurde er in das FSJ eingearbeitet, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. „Man sollte hier schon Selbstbewusstsein mitbringen und sich durchsetzen können, das ist klar.“ Wichtig sei: „Man darf hier nicht unachtsam sein!“ Und trotz allem seien hier vor allem Empathie und Teamfähigkeit wichtig, sagt der FSJler, wenn er über seine Aufgaben spricht. Es gehe eben häufig einfach darum, sich mit den Patienten zu unterhalten. Denn die Arbeit in der Klinik sei auch Beziehungsarbeit, bei der aber immer das Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz bewahrt werden müsse. „Man lernt die Menschen schnell kennen“, sagt Henry. Und die Gespräche mit den Patienten sind meist sehr interessant und tun den Patienten gut. „Es ist wichtig, sich mit den Menschen zu unterhalten, denn jeder Patient bringt hier seine eigene Geschichte mit“.  So individuell wie die Biographien der Patienten sind dann auch die Therapien. Ein Team aus Ärzten, Sozialarbeiten, Therapeuten sowie Gesundheits- und Krankenpfleger arbeitet dabei Hand in Hand. Viele Menschen werden bereits seit vielen Jahren in dieser Klinik behandelt. Eine hohe Fluktuation gibt es hier ohnehin nicht. Auch das unterscheidet die Christophorus Klinik von anderen Kliniken. Denn für viele Patienten sei die Forensik auch ein Ort der Sicherheit, meint Henry. „Hier bekommen sie Halt und Ordnung, die sie sich sonst nicht selber geben könnten.“

Seine Aufgaben mit den Patienten sind sehr vielfältig. Früh morgens um 6.15 Uhr beginnt die Frühschicht. Nach dem Aufschluss der Patienten aus ihren Zimmern bereiten diese das Frühstück selbstständig vor. Er begleitet sie bei ihren Mahlzeiten und schickt sie zu ihren Aktivitäten und Therapien, unterhält sich oder treibt Sport mit ihnen, spielt Kicker und Fußball. Aber auch Hol- und Bringdienste sowie Büroarbeit müssen von ihm durchgeführt werden. Abends um 21:30 Uhr ist schließlich „Einschluss“ für alle Patienten, sie müssen dann auf ihre Zimmer gehen. Bei all den Aktivitäten gehe es darum, die Eigenständigkeit der Personen zu stärken. So werde den Patienten eben auch Verantwortung im Alltag übertragen, berichtet der 19jährige FSJler. Sie sind selber etwa für Essensdiente zuständig, und können hergestellte Produkte aus der Werkstatt an Interessierte verkaufen lassen. Die Bewältigung alltäglicher Probleme im Zusammenleben mit anderen psychisch kranken Menschen stehe dabei im Vordergrund. In vielen Lernfeldern werden Fähigkeiten trainiert, um die Eigenverantwortung zu stärken. „Wir versuchen schon, den Patienten vieles zu ermöglichen“, sagt Henry. Schließlich ist es langfristiges Ziel, die Patienten auf ein Leben außerhalb der forensischen Klinik vorzubereiten, ohne dass sie in straffälliges Verhalten zurückfallen.

Die Entscheidung für den FSJ-Platz in der Forensik hat Henry sehr bewusst gewählt. „Ich wollte nicht direkt vom Lernen in der Schule zum Lernen in der Uni. Ich wollte praktische Erfahrungen sammeln und meine Zukunftsplanung konkretisieren.“ Dazu hilft ihm der Freiwilligendienst in der Christophorus Klinik, denn schließlich will er nach dem FSJ eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolvieren und danach Medizin studieren. 

In einem Monat endet der Freiwilligendienst von Henry. Was hat ihm das Jahr gebracht? „Die Tätigkeiten hier haben mich extrem nach vorne gebracht“, resümiert er. „Ich bin offener geworden und habe gelernt Verantwortung zu übernehmen.“ Der Freiwilligendienst habe ihm Einblicke ermöglicht, die er so wohl nie bekommen hätte. „Das war eine große Bereicherung“ sagt er. Umso selbstbewusster kann er nun seinen Berufswunsch verfolgen.

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