Helfen im Zuhause auf Zeit

Julian leistet ein FSJ im Haus der Wohnungslosenhilfe in Münster

Der Eingang des hochgeschossigen Hauses an der Bahnhofstraße wirkt unscheinbar. Einige Männer mit Bierflaschen stehen davor. Eine Liste von Regeln im Eingangsbereich, einige Hinweisschilder und fest montierte Sitze an der Wand sorgen für klare Strukturen. Hier suchen jeden Tag bis zu 70 Menschen Obdach, die sonst obdachlos wären. Julian kümmert sich um sie. Er fährt mit ihnen zu Behörden, versorgt sie mit Essen, begleitet sie zu Ärzten oder hört ihnen einfach nur zu. Er leistet hier im Haus der Wohnungslosen der Bischof-Hermann-Stiftung sein Freiwilliges Soziales Jahr, kurz FSJ.

Dass er nach dem Abitur etwas Praktisches machen und Abstand zur Schule gewinnen wollte, das war dem 19jährigen schnell klar. Sein Bruder hatte ihm dann empfohlen, zwischen Abi und Studium erstmal ein FSJ zu machen. Schon beim Vorstellungsgespräch war Julian begeistert von der Einsatzstelle. Endgültig entschieden hatte er sich dann nach einer Hospitation.

„Einen typischen Tagesablauf gibt es hier für mich nicht“ sagt Julian, wenn er über seine Aufgaben spricht. Gerne wird er von Bewohnern angesprochen und um Hilfe gebeten. Oder er unterstützt beim Reparieren von Sachen im Haus. „Vieles ergibt sich spontan, da muss man sehr flexibel sein“. Dann muss er auch mal anpacken und einem ehemaligen Bewohner beim Umzug oder beim Aufbau von Möbeln helfen. Häufig habe er gar nicht im Haus selbst, sondern außerhalb zu tun. „Wir begleiten die Menschen vielfach zu Behörden, Ämtern oder Kliniken“ sagt der 19jährige Münsteraner. Beliebtes Transportziel ist die LWL-Klinik. Viele der Bewohner können sich ein Busticket schlicht nicht leisten. Manchmal muss er dann auch dolmetschen und vor Ort erklären, denn nicht alle im Haus der Wohnungslosen sprechen fließend deutsch, einige von ihnen sind Geflüchtete. Spenden abzuholen und wegzubringen gehört ebenso zu seinen Aufgaben. Neben Kleidern sind auch Kuchen- und Brötchenspenden örtlicher Konditoreien dabei. Die Abwechslung der Aufgaben prägt seinen Alltag.

„Es braucht etwas Zeit, um die Leute gut kennenzulernen“ sagt Julian. Die Gründe, wieso Menschen im Haus der Wohnungslosen Obdach suchen, sind vielfältig. Nicht alle der Bewohner sind drogenabhängig. Einige gehen einer geregelten Arbeit nach. „Die haben einfach noch keine Bleibe gefunden, sind aber gerade auf dem Sprung, eine Wohnung zu finden“. Andere Bewohner haben eine Behinderung oder sind aus anderen Gründen nicht in der Lage, selbstständig zu wohnen. Untergebracht sind sie meist in 3- oder 4-Bettzimmer. Platz für viel Persönliches bleibt da nicht. Es ist eine Unterbringung auf Zeit. „Einige Bewohner kommen nur sporadisch, andere wohnen schon seit Jahren hier, das ist sehr unterschiedlich“ erklärt Julian. „20- bis 50jährige alleinstehender Männer mit unterschiedlichen Hintergründen treffen hier aufeinander“ sagt der FSJler.  Bei aller Unterschiedlichkeit komme es dann vor allem darauf an, aufgeschlossen und unvoreingenommen auf die Menschen zuzugehen. Trotz allem: Klare Regeln und Ansagen sind in diesem Haus wichtig. „Ich bin im FSJ vor allem selbstbewusster geworden“ sagt Julian, wenn man ihn fragt, was er in seinem Jahr hier gelernt habe.

„Nach der Schule war ich unsicher, was ich eigentlich studieren sollte“ sagt Julian. Das FSJ hat ihm geholfen, Orientierung zu finden. „Die Zeit hier hat meinen Horizont erweitert“ sagt der 19jährige. Er bewirbt sich nun für ein Lehramtsstudium an der Uni Münster. Ob das klappt, weiß er zwar noch nicht. Aber was er will, das ist ihm nun klar. Und das ist das Wichtigste.