Ohne viele Worte

Hannah arbeitet im FSJ mit gehörlosen suchterkrankten Menschen

Morgens mit dem Weckerklingeln wach zu werden, das Klingeln an der Haustür zu hören oder das Programm im Fernsehen zu verfolgen – Dinge, die für viele von uns selbstverständlich sind. Im Haus Mirjam müssen solche alltäglichen Tätigkeiten anders gelöst werden, denn hier wohnen suchterkrankte Menschen, die zugleich gehörlos oder hörbeeinträchtigt sind. Geweckt wird mit einem Rüttelwecker, geklingelt mit Licht, und Fernsehen mit Untertitel geschaut. Hannah leistet hier ihr Freiwilliges Soziales Jahr. „Die Stelle war für mich ein Jackpot!“ sagt die 19jährige. „Ich wollte durch das Jahr die Gehörlosenkultur und die Gebärdensprache besser kennen lernen. Und jetzt lerne ich zusätzlich noch jede Menge über psychische Erkrankungen und die Folgen einer Suchtkrankheit.“

Die Einrichtung des Caritasverbandes Emsdetten-Greven existiert in der Kombination für Gehörlose mit einer Suchterkrankung einmalig in Deutschland. Aus entsprechend vielen Orten kommen die Klienten in die Einrichtung. 14 Bewohner zwischen 28 und 78 Jahren leben derzeit im Haus Mirjiam. Hannahs Dienst beginnt meist erst am Nachmittag, wenn die Bewohner aus den Werkstätten in Emsdetten oder Greven zurückkommen. „Bei uns erhalten sie eine Tagesstruktur, so dass sie wieder lernen, selbstständig zu leben“ sagt die FSJlerin. Aufgaben im Haus und Angebote für die Freizeit begleitet sie und kann auch mal selbst Ideen mit ins Team einbringen. „Ich schaue immer erst, was so anliegt, und was getan werden muss. Mal muss ein Rezept vom Arzt geholt werden, Einkäufe oder Putzdienste im Haus organisiert werden oder auch mal ein Arzttermin begleitet werden. Dann muss ich auch mal Dolmetscherin sein“ äußert sich Hannah über ihre Aufgaben.

Am Montag nimmt sie am Gebärdenchor teil. Singen ohne zu sprechen, das klingt zunächst unmöglich. Der Chor „Sing a Sign“, ein Chor aus gehörlosen und hörenden Menschen, gebärdet seine Stücke. „Das ist klasse, gerade wenn man eigentlich überhaupt nicht singen kann“ sagt Hannah schmunzelnd. Die Musik wird dann abgespielt und der gesungene Text gebärdet. Gesungen werden kann eben nicht nur mit dem Mund.

Die Gebärdensprache sei wie eine eigene Fremdsprache, erklärt Hannah.  Als Vorbereitung auf das Jahr half ihr ein Sprachkurs, den sie von ihrer Einsatzstelle angeboten bekam. Viel mehr Praxis bekomme sie jedoch im täglichen Sprechen mit den Bewohnern. Und wenn einem die passende Gebärde entfällt, ist das auch nicht so schlimm. Dann müsse sie eben umschrieben werden. Und wie bei jeder anderen Sprache sei es auch möglich, Dialekte zu ‚sprechen‘ oder sogar zu nuscheln. Gebärdensprache habe jedoch eine ganz eigene Grammatik, die mit dem deutschen Satzbau gar nicht zu vergleichen sei, erläutert Hannah. Viele Gehörlose können daher zwar gebärden, aber nur schwer Schriftsprache lesen, weil Gebärdensprache einer völlig anderen Grammatik folge. Viele Sätze müssen vereinfacht werden, wenn Hannah sie für die Bewohner gebärdet, vom Komplexen zum Einfachen. Auf das Konjugieren von Verben etwa wird ganz verzichtet. Ständig für jedes Wort eine Lautgebärde zu kennen, das sei aber auch gar nicht notwendig, meint Hannah. „Häufiger kommt es einfach auf die Mimik an! Dem Gegenüber zuzuhören und Empathie zu haben, ist etwa schon vollkommend ausreichend. Nicken, erreichbar und da zu sein, das hilft manchmal schon.“

Mit ihren Aufgaben im FSJ ist Hannah sehr zufrieden. Denn schließlich sei sie nicht als Fachkraft eingesetzt, sondern sei zusätzlich dort und könne sich als FSJlerin frei mit den Bewohnern beschäftigen. „Ich bin da, wenn sie Hilfen brauchen, reden wollen, Karten spielen oder spazieren gehen wollen.  Das ist doch wunderbar!“ Und häufig kann sie dann auch, nach Rücksprache mit ihrer Praxisanleitung, eigene Ideen mit einbringen. Letzte Woche organisierte sie einen Abend an der Spielekonsole. „Da ist dann Beziehungsarbeit möglich, ohne ein therapeutisches Ziel zu erreichen.“ Und genau das liebt sie so an ihrer Arbeit.

Nach ihrem FSJ möchte Hannah eine Ausbildung zur Gebärdensprachdolmetscherin machen. Das FSJ war für sie mehr als nur ein Praktikum. Sie hat dadurch einen intensiven Blick in das Tätigkeitsfeld bekommen und um einiges mehr gelernt, als sie anfangs erwartet hätte „Einen so intensiven Blick in die Praxis kann kein Praktikum bieten!“ resümiert sie.